Session 33: Die Stadt des toten Herrschers – Intermezzo

Session 33: Die Stadt des toten Herrschers – Intermezzo

Nach ein paar Kilometern auf der rumpeligen Strasse, kommen wir vor den Toren von Selem an. Eine
Stadt inmitten von Sümpfen, bereits die Stadtmauer ist heruntergekommen und es riecht wie auf einem
Komposthaufen. Alles ist irgendwie olivfarben und bräunlich, aber nicht das schöne Oliv wie von Öl,
sondern das eklig Glitschige, wie von einer eiternden Wunde und das Braun nicht wie von gesundem,
gut duftendendem Holz oder einem frisch gebackenen Brot, sondern von Dreck, Moder und Schimmel.
Als wir auf das nicht bewachte Stadttor zurattern, erblicke ich das Wappen, das blass und ohne Stolz,
verwittert über dem Schlussstein ein schiefes Dasein fristet. Das Wappentier scheint mir eine Mischung
aus Aal und Blutegel darzustellen. Sehr passend finde ich das.
Unter der maroden Schicht aus Baufälligkeit und Verwahrlosung erkennt man aber bei genauerem
Hinsehen, dass es Selem nicht immer so schlecht gegangen sein kann. Darunter sind die Mauern
massiv und fachmännisch gearbeitet, stellenweise sogar verziert – zumindest erscheint das meinem
unfachmännischen Blick so. Was die Vorfahren wohl verbrochen haben, um den Zorn der Götter auf sich
zu ziehen?
Die Bevölkerung in den morastigen Straßen von Selem ist eine Mischung aus Menschen und einigen
Achaz. Von den Echsen auf zwei Beinen hatte ich bisher nur gehört, aber noch keine gesehen.
Unheimlich wie sie unter ihren Kapuzen hervorzischeln.
Ob sie auch ihre Schwänze abwerfen, wenn man sie erschreckt?
Doch dann erschrecke ICH. Und zwar taucht eine kreischende Kinderschar vor uns auf, kurz nachdem
wir die Stadttore passiert haben. Normalerweise umkreisen die Kinder einer Ortschaft einen
Schaustellerwagen freudig bei seiner Ankunft nachdem sie kurz schüchtern abwarten, weil sie wissen,
dass bald eine feine Attraktion bevorsteht. Und diejenigen die noch zu klein sind, um solch einen Wagen
zu kennen, lassen sich von den Älteren mitreissen sobald das Eis gebrochen ist.
Doch hier in Selem sind die Kinder abgemagert und kommen mit großen Augen und aufgehaltenen
Händen direkt auf uns zu, um uns anzubetteln. Sie haben Hunger. Um es abzukürzen: Lafadiel gibt ihr
Bestes, um den Kindern die Last des Seins zu erleichtern, zumindest für einen kurzen Augenblick, singt
für sie und teilt mit ihnen den Proviant. Unsere Sippenmitglieder reagieren ganz unterschiedlich auf den
Anblick der Kinder.
Nachdem alle Kinder mit Proviant und kleinen Geschenken versorgt sind, gehen wir weiter in die Stadt,
sprechen einen Jungen an, der auf den Namen Abbib hört und uns zur ebenfalls heruntergekommenen
Silas-Horam-Bibliothek führt.
Für den Eintritt verlangt man von uns stattliche zehn Dukaten. Ich erzähle der Dame eine schöne
Geschichte, dass wir extra hierher gekommen seien und dafür unser letztes Geld ausgegeben hätten. Ihr
Angebot fällt nun auf eine Dukate pro Person. Bevor ich sie noch weiter drücken kann, bezahlt Thorgal
den Eintritt, die anderen machen mit und verschwinden im Innern. Ich verharre in meiner
Verhandlungsposition bis alle an mir vorbei sind, weil ich es einfach nicht glauben kann, lächele die
Vorsteherin der Bibliothek mit dem falschesten Lächeln an, das je über meine Lippen gekommen ist an
und gehe ebenfalls hinein – nachdem ich bezahlt habe.
Und wofür habe ich eine Dukate bezahlt? Für eine Ansammlung von Altpapier. Die Bücher sind im
selben desolaten Zustand wie die ganze Stadt. Amira, die Vorsteherin die auch das Eintrittsgeld
genommen hat, berichtet uns, dass die Bibliothek bis zu 25 Untergeschosse hat, dass aber noch
niemand so weit vorgedrungen sei und wenn, ist er nicht zurückgekehrt. Abenteurer und Geweihte die in
die Tiefen der Biblitohek abstiegen fristen nun ihr Dasein als Geister und spuken zwischen den Regalen
voller Bücher, Schriftrollen und Pergamentfetzen umher.
Thorgal ist kaum zu bremsen und will am Liebsten bis ganz nach unten hinab, um die wertvollsten
Bücher zu finden. Cyrill ist auch interessiert, hofft er doch hier Bücher über die Legio Shinxira und somit
seine vergangene Zukunft zu finden. Er hat wenigstens einen nachvollziehbaren Grund.
Insgesamt ist die Atmosphäre beklemmend und es wird nur schlimmer je tiefer wir kommen. Eine
warnende Stimme ertönt in meinem Kopf: “Kehrt um, ihr Narren. Dies ist nicht Euer angedachter Pfad.
Und außerdem habe ich nichts für die Katakomben der Bibliothek vorbereitet.” Eine seltsame Stimme.
Sie war schon öfter mal in meinem Kopf.
Um es abzukürzen: Wir kommen wieder zurück ins Erdgeschoss ohne echtes Ergebnis, Cyrill wurde
gespenstisch durch die Haare gefahren – und das wars. Am Ende fliegen wir auch noch raus, weil
Thorgal sich Amira gegenüber wie ein Idiot verhält.

Draußen stehen wir auf den Stufen der Bibliothek und sehen auf der Straße einen Mann, der von einem
wilden Mob verfolgt wird. Als er Janus erblickt, kommt er die Treppen hinaufgerannt und sucht Schutz
bei ihm. Er ist der Zuckerbäcker eines Dorfes namens Chag und der Mob behauptet er habe alle
Einwohner dort umgebracht. Der Mob wird vertrieben und Adran Elbrecht, so sein Name, erzählt, dass er
im Keller ohnmächtig wurde, als ihm ein Fass auf den Kopf fiel. Als er wieder zu sich kam, waren alle tot.
Er möchte zum Noionenkloster gebracht werden, um dort von seinen seelischen Wunden geheilt zu
werden.
Wir willigen ein ihn zum Kloster zu geleiten und uns dann nach Chag aufzumachen, um herauszufinden
was passiert ist. Vielleicht ist das ja die Aufgabe für die uns Avata Friedenslied vorgesehen hat. Wer
weiß. Am Ende müssen wir doch ins 25. Untergeschoss der Bibliothek.
Wir decken uns mit Proviant ein und machen uns in südlicher Richtung auf zum Kloster. Eine der
Brücken, die über den Szinto führt wird von Ganoven genutzt, um von den normalen Bürgern illegal
Wegezolll zu erpressen. Als sie uns sehen ergreifen sie die Flucht. Cyrill gefällt die Idee aber sehr und
man sieht ihm an, dass er es auch mal versuchen würde, hätten wir nicht anderes zu tun.
Ich bin richtig stolz auf meine Sippe. Langsam aber sicher fangen die meisten an die Gegebenheiten und
Gelegenheiten zu ihrem Vorteil auszulegen, mit denen Phex ihren Weg pflastert. Ich muss gar nichts
mehr machen.
Vorbei an den Villen der wenigen Reichen hier in Selem, schlängeln wir uns entlang eines Pfades
heraus aus der Stadt und erblicken nicht weit entfernt eine schwarze Feste. Am Wegesrand weht bereits
die weiße Flagge mit den drei schwarzen Federn der Noioniten. In ihrer Obhut lassen wir nicht nur
Adran, sondern auch Felix und meinen Karren. Adrans letzte Worte zu uns sind, dass wir nach seiner
geliebten Salira Ausschau halten sollen und dass er uns als Bezahlung die Münzen anbieten kann, die
er in einem Topf in seinem Keller versteckt hat.
Nach Chag führt kein offizieller oder auch nur ansatzweise befestigter Weg, weshalb wir meistens
entlang des Sumpfes in die gegebene Richtung laufen, während unsere Schuhe immer wieder
schmatzend im nassen, tiefen Boden stecken bleiben.
Es beginnt langsam zu dämmern als uns eine hohe Stimme anherrscht stehenzubleiben und sich aus
dem Dickicht eine Waldelfe materialisiert.
Das war’s schon? Wir mussten also nur einmal durch Selem und bis hierhin kommen, um wieder zurück
in unsere Zeit transferiert zu werden? Das war ja einfach.
Doch ganz so ist es dann doch nicht. Lafadiel unterhält sich mit der Waldelfe die den Namen Goldwind
trägt und auf der Suche nach Vorräten für ihre Sippe ist, die weiter im Norden lebt. Sie erzählt von
Moskitos hier im Sumpf, die die Erinnerung rauben.

Ich bin von mindestens einem Dutzend gestochen worden. Und das nur weil Amalia keine Anti-Insekten-
Pflanze fand, um uns damit einzureiben und auch den Duft nicht so genau beschreiben kann, sodass ich

eine Illusion des Geruchs um uns herum erzeugen kann und weil Thorgal zwar einwandfrei seine
Kameraden mit Windstößen umhauen aber nicht mal ein leichtes Überdruckgebiet über uns hinkriegt,
gegen das die kleinen Mistviecher keine Chance hätten anzufliegen.
Das Gespräch der beiden Elfinnen nimmt jedoch einen ernsteren Ton an. Wie so oft wenn sie auf
Ihresgleichen trifft bekommt Lafadiel gesagt, dass ihr Lied seltsam klinge und sie immer menschlicher
werde. Bardok.
Goldwind bietet ihr an mit ihr zum Stamm zurückzukehren, um dort wieder zu genesen und auch bei der
Suche nach ihrem Seelentier behilflich zu sein.
Einen gespannten Augenblick warten wir alle ab was Lafadiel nun entgegnen wird.
Sie sei unserer Sippe verbunden und will unseren Auftrag erfüllen. Lafadiel verlässt und also nicht. Bei
Mokoschka, das erfüllt mich mit Freude. Doch es wird noch besser: Statt ihres Weges zu gehen, will
Goldwind uns begleiten. Janus weist sie daraufhin, dass es gefährlich werden könnte und erläutert
unseren Plan. Die Elfe entgegnet gelassen, sie sei bereits vor einigen Wochen in Chag gewesen und
könne uns hinführen.
Nun sind wir ungefähr zwei Wegstunden von Chag entfernt und rasten. Ich klappe jetzt mein Büchlein
und meine Augen zu, versuche eine Runde zu schlafen … und bin mir ziemlich sicher, dass ich gleich
wieder die Stimme aus der Bibliothek in meinem Kopf höre.

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