Janus sitzt wie ein begossener Bosparaniel im Becken des Wasserfalls. Wir bauen Iglus, entzünden
darin ein Feuer und ein nackter Janus eilt aus dem Wasser, quasi direkt in den Schlafsack mit Lafadiel,
um sich zu wärmen.
Was er mit seinen Klamotten gemacht hat fragt ihr? Nun, die hat er im Wasser ausgezogen und ans Ufer
gelegt. Scheinbar wurde seine Kleidung nachdem sie durchgefroren war fast ganz trocken (dieser
chemische Vorgang nennt sich „Subsummation“, habe ich von Garalor gelernt), nur einer der Ärmel ist
komischerweise noch nass. Wahrscheinlich ist er ins Wasser gerutscht oder eine etwas größere Welle
hat ihn gerade so überspült. Wer weiß, man wird es nie erfahren.
Aber Janus flucht die nächsten Tage lautstark über den feuchten Ärmel, was man gar nicht gewohnt ist
vom wortkargen Borongeweihten. Es scheint ihn wiiiirklich zu nerven. Keiner seiner Freunde würde ihm
cyrilletwas etwas antun.
Durch eisigen Wind, der unser Vorankommen verzögert, kämpfen wir uns zurück zum Yeti-Dorf. Der
Donnerwanderer wird dem Trupp übergeben der ihn zurück zum Schiff und von dort nach Thorwal
bringen soll. Nur wir bleiben zurück.
Als am Abend alle zusammensitzen geben Ohm Follker und Mutter Galandel zwei Weisen zum Besten,
die sich um die Geschichte des Himmelsturms drehen.
Laut Nakilas Seelengefäßmitbewohnerin sind die vier Unbenannten Nurti, Zerzal, Pyr Daokra und Orima.
Galandel übergibt Nurtis Träne an Phileasson. Sie wird unser Wegweiser zum Himmelsturm sein.
Wissbegierig verbringt Thorgal lange Zeit mit der Analyse von Nurtis Träne. Nachdem er dann aus
seinem Zelt wieder raus kommt, beginnt er mit mir ein Gespräch über seine Erkenntnisse.
Ich verstehe absolut nichts von dem was der Typ erzählt. Irgendwas ist verwoben mit irgendwas
anderem und löst damit irgendwas aus … oder hat er „auf“ gesagt statt „aus“? Ich stehle mich jedenfalls
schnellstens davon.
Der Abschied aus dem Yeti-Dorf fällt mir schon ein bisschen schwer. Ruschma schenkt mir einen
Anhänger, den ich nun stolz tragen werde. Galantel sagt noch ein paar Worte über aufrichtige und
ehrliche Menschen, ich habe aber keine Erinnerung mehr was der genaue Wortlaut war oder was ich
geantwortet habe.
Einige Tage verbringen wir nun wieder auf unseren Eisseglern, in Felle und Aunaroks gehüllt gleiten wir
dahin, immer Nurtis Träne nach, auf der Suche nach dem Himmelsturm.
Ich muss noch mal dran denken, wie Inu Janus Rauschkrautvorrat geplündert hat. Und wie Amalia ihn
verpetzt hat und er von Janus dafür zur Rede gestellt wurde.
Und dass der Donnerwanderer jetzt den Namen Helmut trägt. Als er zusammen mit Janus im Becken
des Wasserfalls war, lernten sich die beiden scheinbar besser kennen und teilten gemeinsam das
durchweichte Brot der interspeziellen Freundschaft aus Janus Rucksack.
Ich stelle mir vor wenn Helmut Lafadiels Seelentier gewesen wäre. Was passiert dann eigentlich mit ihr?
Verwandelt sie sich in das Tier? Oder verschwimmt im Mondlicht ihre Silhouette, wenn man sie nur aus
dem Augenwinkel betrachtet, sodass ein flimmernder, halbtransparenter Helmut mit riesigen, spitzen
Ohren, langem, wallendem Haar und unbestreitbar Lafadiels Augen erscheinen würde? Aber wenn man
dann hinschaut sitzt da nur Lafadiel? Oder Helmut? Und wenn man wegguckt und noch mal hinschaut ist
es aber wieder der jeweils andere?
Eingemummelt auf den Holzplanken des Eisseglers zwischen meinen Sippenbrüdern und -schwestern
sitzend, werde ich aus meinem Tagtraum gerissen und höre wie jemand sagt, dass auf der Anhöhe am
Horizont eigentlich der Himmelsturm stehen müsste. Wir sind aber noch ein Stück weg, also bleibe ich
sitzen, sehe Lafadiel an und muss grinsen.
Lafadiels Miene aber verfinstert sich. Kann sie etwa meine Gedanken lesen und ist beleidigt? Ihr ganzer
Körper spannt sich und sie ruft so laut sie kann: „Gefahr!“. Unsere Eissegler legen sofort eine
Kehrtwende hin und stoppen so abrupt, dass ich fast von Bord gehe.
Nach einem kurzen Augenblick der Stille reckt Lafadiel ihre Hand Richtung Sonne. Da: Ein riesiger
Gletscherwurm fliegt auf uns zu, gedeckt durch die Sonne in seinem Rücken. Ich werfe mich so schnell
ich kann unter den Segler.
Das war’s, unser letztes Stündlein hat geschlagen. Pfeile werden abgefeuert … und bleiben einfach in
der Luft stecken. Auch der Gletscherwurm scheint sich nicht mehr vorwärts zu bewegen, wie eingefroren
hängt er in der Luft.
100 Schritt entfernt taucht eine Gestalt in grüner Kleidung auf. Sie kommt näher und hebt die Hand zum
Gruße. Ein Waldelf. Sei Name sei Avata Friedenslied und wir seien zur richtigen Zeit am falschen Ort.
Nein, am falschen Ort zur richtigen Zeit? Moment, das ist das selbe. Bloß andersrum. Am richtigen Ort
zur falschen Zeit? Ich weiß es nicht, jedenfalls scheint der Herr Waldelf ein waschechter Temporalmagier
zu sein, wenn er die Zeit so manipulieren kann, dass außerhalb unserer Blase die Zeit stillzustehen
scheint. Wir sollen ihm folgen, in eine andere Zeitlinie wo wir jetzt eigentlich sein sollten, aber keiner darf
was davon erfahren, weshalb wir ihn auch nicht ansprechen sollen, falls wir ihn wiedererkennen.
Nach einiger Diskussion wird uns klar, dass uns nichts anderes übrig bleibt: Entweder wir kommen
seiner Bitte nach oder wir werden vom Gletscherwurm getötet. Wir stimmen zu.
Mir wird plötzlich schwarz vor Augen und als ich wieder erwache, bin ich scheinbar unter der Erde. Es
riecht nämlich nach Erde, auf mir liegt Erde und als ich einatmen will, atme ich Erde. Prustend und
hustend setze ich mich auf.
Als ich mich umblicke fallen mir zwei Dinge auf: 1. Ich bin nackt. 2. Ich bin nicht alleine, rechts und links
von mir befreien sich die anderen Mitglieder meiner Sippe gerade aus der Erd- und Laubschicht, die sie
bedeckt.
Das waren schon zwei, oder? Mir fallen aber noch mehr Dinge auf. Drittens: Kein Schnee mehr. Und
auch keine Kälte. Im Gegenteil, es ist warm, fast heiß, schwül, stickig und wir sind von Bäumen und
Pflanzen umgeben, die ich noch nie gesehen habe. Das Blätterdach ist so dicht, dass man nicht mal den
Himmel sehen kann.
Viertens: Ich höre ein mir sehr bekanntes Wiehern. Mein treuer Felix steht am Ende einer Lichtung und
grast friedlich vor sich hin, angespannt an meinen Schaustellerwagen. Ich fliege geradewegs auf ihn zu
und nach einer ausgiebigen Begrüßung und seltsamen Blicken meiner Mitreisenden, weil ich immer
noch nackt bin, ziehe auch ich mich an. Auf wundersame Weise waren unsere Kleidung und Ausrüstung
zwar nicht an unseren Körpern, dafür lag sie fein säuberlich zusammengelegt neben uns.
Wir schlagen uns einige Stunden über eine zugewachsene Waldstraße, die uns vorbeiführt an den
Ausläufern einer größeren Siedlung. Nach einer Nacht in einem verlassenen Gehöft, treffen wir Leute
auf der Straße, die etwas anders aussehen als die Bevölkerung des Mittelreichs oder des Nordens
Aventuriens.
Von erfahren wir, dass wir uns auf der Dschungelstraße Richtung Selem befinden. Und heute ist dort
Markttag.